In der Tierarztpraxis werden nahezu täglich Hunde vorgestellt, die ein Magenproblem haben, das sich in Schmatzen, Aufstoßen, Grasfressen, Leerschlucken etc. äußert. Meistens wird vermutet, dass der Hund an einer Übersäuerung leidet, die das „Sodbrennen“ verursacht. Häufige Therapie ist die Verabreichung von Säureblockern.
Ob der Hund aber vielleicht eher untersäuert ist, lässt sich auf den ersten Blick gar nicht erkennen, denn die Symptome sind sehr ähnlich bis fast identisch. Hunde kann man durch die richtige, ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung gut davor schützen, magensäurebedingte Gesundheitsprobleme zu entwickeln.
Der Magen des Hundes funktioniert grundsätzlich anders, als der des Menschen. Das ist bedingt durch die vielfach höhere Konzentration an Salzsäure im Magensaft. Das vegetative Nervensystem ( Sympathikus und Parasympathikus) kontrolliert die Produktion der Magensafts bzw. der Magensäure. Die Produktion des Magensafts wird erst in Erwartung von Futter „angeworfen“. Wer kennt ihn nicht, den Pawlowschen Hund, der in Erwartung von Futter zu trielen anfängt. In Erwartung einer magenfüllenden Mahlzeit wird auch entsprechend Menge an Magensaft bereitgestellt. Schwierig wird es, wenn in den leeren Magen dann nur ein Leckerchen gefüttert wird. Sodbrennen und Übersäuerung vorprogrammiert. Der Magen eines Hundes sollte die Möglichkeit haben, sich vollständig zu entleeren, dann wird die Magensaftproduktion wieder eingestellt. Dann sollte der Magen bestenfalls einige Stunden leer bleiben, bevor wieder gefüttert wird. Es ist nicht richtig, dass der Magen des Hundes „permanent“ Säure produziert! Er würde sich selbst verdauen.
Bei an magensäurebedingten Gesundheitsproblemen wird häufig empfohlen, die Mahlzeit auf mehrere Rationen täglich zu verteilen. Das ist auch erstmal richtig. Somit ist der Magen zwar nie vollständig leer, hat aber auch nicht die Möglichkeit, die Magensaftproduktion komplett einzustellen. Ein Teufelskreis entsteht.
Die Salzsäure im Magensaft, die etwa 10fach konzentrierter ist als unsere, hat die Aufgabe, die verschlungene (Hunde kauen nicht!) Mahlzeit zu zersetzen, Bakterien, Pilze und Parasiten zu töten und sie bereitet die Aufspaltung des Futters im Dünndarm vor. Hundespeichel enthält keine Verdauungsenzyme wie bei uns Menschen. Der Speichel dient lediglich dazu, das Futter gleitfähig zu machen, um es gut abschlucken zu können. Die Verdauung beginnt im Dünndarm und dazu ist auch der richtige pH-Wert des Nahrungsbreis von Bedeutung. Verabreicht man nun einem Hund mit vermeintlicher Übersäuerung einen Säureblocker, wird der Dünndarm signalisieren „hey, Magen, säuer mir mal bitte den Futterbrei besser an“ – ein erneuter Teufelskreis entsteht. Der pH-Wert ist verschoben, im Dünndarm kann es zu Fehlbesiedelungen von Bakterien kommen. Die Magen-Darmproblematik nimmt ihren Lauf. Futter, das zu lange im Magen verweilt, weil es noch nicht vorbereitet genug für die Passage in den Dünndarm ist, oder ein nie richtig entleerter Magen, lässt Gase entstehen. Diese Gase können wiederum dazu führen, dass Futterbrei und Magensäure Richtung Speiseröhre wieder aufsteigen. Übermäßiges Calcium, z.B. in Form von Knochen, Knochenmehl oder auch Eierschalen, kann mit der Magensäure reagieren und Kohlensäure entsteht, die ebenso über die Speiseröhre aufsteigt.
Wie erkennt man aber nun, ob ein Hund zu viel oder zu wenig Magensäure hat? Ein ganz einfacher Test kann tatsächlich weiterhelfen. Man stellt dem Hund drei Schüsseln Wasser hin. Eine Schüssel ist pures Wasser, in der zweiten sind zusätzlich 2 Esslöffel Apfelessig, in der dritten Natronpulver.
Trinkt der Hund das angesäuerte Wasser, fehlt ihm Magensäure. Trinkt er das basische Wasser mit Natron, ist er übersäuert. Ein Mangel an Magensäure kann mehrere Gründe haben. Zum einen, wie bereits erwähnt, ist eine dauerhafte Gabe von Säureblockern ein häufiger Grund. Desweiteren kann eine Unterfunktion der Schilddrüse verhindern, das genügend Magensäure produziert wird. Auch Stress kann die Verdauungsfunktionen beeinträchtigen. Der weitaus häufigste Grund ist die Beeinträchtigung der Magenfunktion durch eine (zum Teil wiederholte) Gastritis und Vernarbungen der Magenschleimhaut als Folge ständiger Entzündungen. Vernarbtes Gewebe ist nicht mehr funktionstüchtig und bringt die Magensäureproduktion an ihre Grenzen. Die Symptome sind aber der einer Übersäuerung sehr ähnlich. Erbrechen nach dem Essen ist ein sehr gutes Indiz für eine Untersäuerung.
Duch die unzureichende Vorbereitung im Magen durch fehlende Säure kommt es zu einer Kettenreaktion. Die Proteine im Magen werden nicht genügend vorverdaut und somit halbfertig in den Dünndarm abgegeben. Das Futter ist nicht in dem Zustand, in dem die Verdauungsenzyme und Bakterien im Dünndarm ihre Arbeit aufnehmen können. Desweiteren fehlt das Signal an den Dünndarm ein Hormon abzugeben, dass der Bauchspeicheldrüse sagt, Verdauungsenzyme freizusetzen. Durch fehlende Magensäure ist der Futterbrei schlecht vorverdaut und im Dünndarm fehlen Verdauungsenzyme aus der Bauchspeicheldrüse. Die Konsequenzen sind schlecht verwertetes Futter, Nährstoffmangel, Gewichtsabnahme und zusätzlich dann auch eine Dysbiose (Störung des Mikrobioms) im Dickdarm, das Durchfall verursacht. Der Hund wird häufig auf andere Symptome hin behandelt und oft wird gar nicht diagnostiziert, dass er einen Säuremangel hat.
Durch einen Überschuss an Magensäure ist der Futterbrei zu sauer und die nachfolgenden Probleme sind umgekehrt ähnlich, wie die bei einer Untersäuerung. Der Dünndarm sendet falsche Signale an die Bauchspeicheldrüse, die arbeitet dann auf Hochtouren und das wird oft fälschlicherweise als Pankreatitis interpretiert, der pH-Wert des Nahrungsbreis ist insgesamt zu sauer, die Bakterien und Enzyme im Dünndarm spielen verrückt, das Futter wird schlecht verwertet. Eine Dysbiose im Dünndarm kann die Folge sein, die im weiteren Verlauf aber ebenfalls zu Durchfall führen kann.
Auf den ersten Blick ist eine Übersäuerung nicht von einer Untersäuerung zu entscheiden. Eine Untersäuerung ist eher selten und das Symptom Erbrechen nach dem Fressen ist das wichtigste Indiz, dass eine Untersäuerung vorliegt. Außerdem wäre bei unsicherer Diagnose die Bestimmung des pH-Werts im Kot immer sehr hilfreich, um eine Übersäuerung oder Untersäuerung zu diagnostizieren. Auch eine Verschiebung der Darmflora hin zugunsten der proteinverarbeitenden Bakterien, die man über den Kot untersuchen lassen kann, ist sehr hilfreich, wenn sich keine andere Erklärung für die Magenprobleme findet.
Ursache für eine Übersäuerung oder Untersäuerung ist ganz oft einfach die falsche Fütterung. Prinzipiell füttern wir unseren Hunden sehr viel mehr Proteine (und sehr häufig schlechte, schwer verdauliche Proteine), als sie tatsächlich brauchen. Industriell gefertigte „Alleinfuttermittel“, egal ob trocken oder nass, führen zu Magenproblemen. Der Hund ist eben ein Fleischfresser, nicht? Gerade aber die Proteinvorverdauung im Magen ist häufig der Grund für einen Reizmagen und eine aus dem Takt geratene Magensäureproduktion. Eine selbstgemachte proteinreduzierte Schonkost (bzw. Proteinen, die dem Bedarf entsprechen) mit zusätzlich basischen Nahrungsmitteln ist eine erste Hilfe bei Übersäuerung. Bei einer Untersäuerung bieten sich als Nahrungsergänzung Bitterstoffe an, die die Produktion von Verdauungssäften anregen. Schließlich ist eine Darmsanierung nicht verkehrt (Gebetsmühle an), um eine gesunde Symbiose von Darmbakterien wieder herzustellen. In der Praxis ist den meisten Hundehaltern aber dieses Prozedere zu aufwendig, sie wollen eine schnelle Lösung, füttern weiter das Futter, das der Hund „ja schon seit er ein Welpe ist“ bekommt und angeblich gut verträgt. Vom Tierarzt gibt es Säureblocker, Schmerzmittel, einen Magenschleimhautschutz und ggf. Antibiotika und der Fall ist erledigt. Bis zum nächsten Tierarztbesuch.
